Wir haben das Sehen nicht verlernt,
in die Ferne zu schauen.
Auf steinigem Boden, auf felsigem Riff
uns`re Zelte zu bauen.
Ruhlos wir sind, uns treibt der Wind,
nirgends sind wir zu Hause.
in die Ferne zu schauen.
Auf steinigem Boden, auf felsigem Riff
uns`re Zelte zu bauen.
Ruhlos wir sind, uns treibt der Wind,
nirgends sind wir zu Hause.
Hallo und herzlich willkommen beim Wandervogel Lippe!
Auf diesen Seiten könnt Ihr einen kleinen Einblick über uns und was wir machen bekommen.
Falls Euch das noch nicht abschreckt laden wir Euch herzlich ein uns persönlich kennen zu lernen!
Viel Spaß beim durchblättern!
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Aktuelles:
Wandervögel in Nicaragua
Seit August ist Liesken nun in Nicaragua.
Lest selbst ihre Eindrücke aus dem Waisenkinderprojekt:
Angekommen. In einer anderen Welt. In einer Welt die arm, brutal, hungrig nach Brot und Frieden zu sein scheint. Aber auch eine Welt, die warm, nicht nur des Klima wegens, voller Musik, voller Tanz, voller Genuss ist. Wie kann die Atmosphäre in einem Land so widersprüchlich sein?
Meine ersten Stunden verbrachte ich mit Angst im Bauch. Mit großer Unsicherheit. Angst vor dieser fremden Sprache, Angst, Mitglied in einer mir fremden Familie werden zu muessen, Angst vor der Arbeit, Angst vor der Einsamkeit. Angst vor der fernen Fremde. Doch schon beim ersten Treffen mit allen Familien wurde mir ein Teil meiner Angst genommen. Meine Gastmutter Norita war die einzige, die alle Freiwilligen herzlich begrueßt hat. Sie hat mich lange in den Arm genommen und kam mir gleich sympathisch vor. Im Taxi nach Hause, das überladen mit offenem Kofferraum durch Straßen die aus einzelnen Felsbrocken bestehen stolperte, hab ich ihr mit gebrochenem Spanisch von meiner Panik berichtet. Daraufhin nahm sie mich in den Arm und sagte: Habe keine Angst, ich bin eine gute Mama. Vom Haus in dem ich lebe war ich zu erst erschrocken. Das Wohnzimmer gleicht einer Scheune, groß, mit einem Tisch in der Mitte, einigen Stuehlen, einem Frenseher. Kein Krimkrams außer Fotos vom Papst, Mutter Theresa, einigen Familienmitgliedern. Nur das Nötigste, und religiöse Accessoires gehören hier zum Nötigstem, egal wie arm der Haushalt ist.
Auch das mit der großen Religiosität ist einer der Widersprüche, zwar einer der nicht faktisch belegt ist, aber immer wieder wenn ich darueber nachdenke, warum dieses Land oder dieser Kontinent arm und brutal ist, komme ich zu der Vermutung, dass der Einfluss der Weißen Bevölkerung dieser Erde auf die natürliche Entwicklung dieses Volkes Schuld daran ist. Dass die Europäer vor hunderten von Jahren die hier wachsende Kultur zerstörten und ihre Denkweise, eingeschlossen dem Christentum, zu verbreiten. Vielleicht wären Entwicklungsländer keine Entwicklungsländer wenn ihnen nicht eine Art zu leben und zu denken aufgedrückt worden wäre und sie sich frei entwickelt hätten.
Von dem Einfluss Amerikas hat Nicaragua sich weitesgehend befreit, Amerika scheint mir ein wenig verachtet und viel Wert aufs „patria libre“, das freie Vaterland, gelegt zu werden. Aber die Religion wird vergöttert. Obwohl die Art, wie sie in die Koepfe hier gelangte, meiner Meinung nach zu verurteilen wäre.
Meine Familie ist sehr religiös, sogar der 27-jährige Rockersohn Chepe, der am liebsten mit schwarzangemalten Gesellen und Hardrock feiert, an machen Tagen aber ein T-shirt mit der Aufschrift „Jesus is my Lord“, zu deutsch Jesus ist mein , trägt. Zwar geht nur Nora gelegentlich zur Messe, aber taeglich läuft das „Radio cathólico“, mit lustiger christlichen Musik und Liveübertragung aus der Kirche. So auch bei meiner Ankunft, die mir mittlerweile Ewigkeiten her vorkommt und an die ich mich nur noch verschleiert erinnern kann. Nur an die verwunderten Momente des ersten Tages erinnere ich mich noch deutlich. Ich war erfreut und verwundert über die Größe meines Zimmers, es ist viel größer als die anderen Schlafzimmer des Hauses, aber auch erschrocken von der Kahlheit, den grauen, untapezierten Wänden und dem an Wellblechhütten erinnernden Dach.
Schon am ersten Morgen in meiner Familie war mir klar, womit ich mich in der nächsten Zeit abfinden musste: Mit Ohnmächtigkeit durch Sprachlosigkeit. Ein schreckliches Gefühl nicht sagen zu können was man denkt, was man will, und auch wenn man sich krampfhaft anstrengt, nichts zu verstehen. Aber sicherlich eine gute Erfahrung, alles in sich auszutragen und sich nur mit sich selbst beschäftigen müssen.
„Es riecht nach Mittagessen. Nach Hunger und Angst. Angst davor, mich gleich mit allen an einen Tisch zu setzen und Sachen gefragt zu werden, die ich nicht verstehe oder nicht beantworten kann“
Tagebuch, 19.8.09
In der ersten Zeit war mir viel langweilig. Es ist neu für mich, mich soviel mit mir und mit niemand anderem zu beschäftige. Durch die Sprachlosigkeit bin ich gezwungen, zu hören was in mir drin spricht. Führ mich war Ruhe eigentlich immer gleich Langeweile, mittlerweile kann ich ohne Probleme in meinem Zimmer sitzen und einfach nur denken oder schreiben. Nach ungefähr 2 Wochen hatte ich dadurch meinen ersten traurigen Abend. Habe eingesehen, dass eine einsame Zeit vor mir steht und die Menschen die ich liebe weit weg sind.
Ich war und bin immernoch erschrocken, dass ich meinen Alltag lieben kann. Ich war bis hetzt immer davon überzeugt, dass ich unfähig dazu bin, meinen Alltag zu genießen. Hier habe ich glücklicherweise eingesehen, dass es nicht an mir, sondern an der Art des Alltages lag dass ich ihn verabscheut habe. Schule war wohl einfach nichts für mich. Die Arbeit hier erfüllt mich.
Ich stehe morgens um7.30 Uhr auf, frühstücke Kaffee und Kekse und fahre mit meinem Fahrrad auf der Panamerikana zur Arbeit. Dabei können gelegentlich spontane Fahrradrennen entstehen, ein lustiger Zeitvertreib der die Lockerheit der Menschen hier wiederspiegelt. So etwas passiert in Deutschland viel zu selten.
Meine Arbeit besteht daraus, auf einem Pick-up in verschiedene außerhalbgelegende Ortsteile zu fahren, den Kindern dort eine Geschichte zu erzählen, über diese zu reden und sie danach dazu malen zu lasse. Hauptsächlich werde ich dazu gebraucht, mit den Kindern zu spielen, Namen aufzuschreiben und das Material vorzubereiten. Während gemalt wird muss ich rum gehen und die kleinen Menschen für ihre Arbeit, sei sie auch noch so schlecht, loben. Das hört sich gewiss nicht so spannend an wie es in Wirklichkeit ist. Das liegt daran, dass ich mir die Arbeit mit selbst auferlegten Aufgaben interessanter mache. Zum Beispiel versuche ich den traurig dreinschauenden Kindern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Und immer, zumindest seitdem ich es kann, unterhalte ich mich mit ihnen. Das ist oft sehr hart weil ich viel von dem was ich höre keinem Menschen wünschen würde, außer vielleicht denen, die Schuld daran sind dass es solche Geschichten gibt. Oft, das wurde mir von meinen Arbeitskollegen deutlich gesagt, ist das Lob von uns die einzige Bestätigung die die Kinder hier erfahren. Viele Kinder werden als Belast, als weiteres Familienmitglied das gefüttert werden muss und somit Geld kostet angesehen.
Alle zwei Wochen gebe ich Freitags mit einem Musiklehrer aus Managua und Lasse zusammen Gitarren und Flötenunterricht. Es ist beeindruckend festzustellen, dass man auch in Gebieten von denen man keine Ahnung hat, bei mir das Flötespielen, Unterricht geben kann. Ich kann das gleiche sagen was ich in den vielen Jahren des Geigelernens immer wieder gehört habe und es funktioniert.
Ein weiterer Faktor der mir die Arbeit versüßt ist mein tolles Team. Lasse, ein anderer Deutscher der auch durch das Welthaus in Estelí gelandet ist, und ich wurden ziemlich direkt ins Team aufgenommen, gehen hin und wieder mit Arbeitskollegen weg und lachen während der Arbeit viel.
Alle zwei Wochen fahren wir um fünf Uhr morgens nach Managua. Das ist der härteste Tag. In Managua ist es heiß, stinkend und hässlich und es bleibt keine Zeit die Kinder beim Malen zu unterstützen weil man immer darauf achten muss, dass sich nicht geprügelt wird. Die Kinder die in Managua an den Workshops teilnehmen arbeiten allesamt auf den Märkten Managuas und gehen oft nicht zur Schule. Das Leben hat sie hart gemacht. Manche suchen sehr meine Nähe, etwas das ich leicht und gerne geben kann. Ein Mädchen nimmt mich immer lange in den Arm und tankt meine Liebe.
Mittlerweile habe ich gute Freunde, zwar Deutsche, gefunden die mich wirklich gut fühlen lassen, seltenst fühl ich mich einsam und wenn doch, ist jemand da um mir zu zeigen dass ich dazu keinen Grund habe. Zusammen dümpeln, oder besser gesagt rasen, wir hier durch die Zeit, alle unsicher worin der Sinn des Lebens in diesem einem Jahr besteht. In den ersten zwei, drei Monaten bestand er im Feiern, im Ausnutzen des anscheinend unendlich vielem Geld habens. Fast jedem Abend waren wir in irgendeiner Bar, jedes Wochenende in der größten Disko, jedes Wochenende von Flor de Cana, dem nicaraguanischem Rum, und Kola besoffen.
Das ständige Feiern trägt dazu bei, dass immer mehr Leute anfangen zu rauchen.
Vor ungefähr einem Monat mussten wir dann doch einsehen, dass das Geld auch hier endlich ist. Die ersten fangen an disziplinierte Rauchpausen einzulegen. Die Disko ist langweilig geworden. Alle sind ein bisschen orientierungslos wie man denn jetzt seine Abende und Nächte verbringen kann. Eindeutig fehlen private Räume zum Chillen. Das ist bei mir zwar möglich, aber auch mit Eingrenzungen. Zum Beispiel kann wegen der Kinder nicht lange laut musiziert werden und nur Weiße und nicaraguanische Familienfreunde dürfen eingeladen werden. Das war der Grund für ein erstes wütendsein auf meine Familie. Selbst wenn die Nicaraguaner keine Bekannten mehr sondern meine Freunde geworden sind, darf ich sie leider nicht mit nach Hause bringen. Irgendwo kann ich diese Regel zwar nach vollziehen, kann sie aber unter keinen Umständen befürworten, muss sie aber akzeptieren. Meine Familie ist wunderbar, die beste Familie aller Freiwilligen, alle mögen sie, aber ich bin eindeutig unselbstständiger als zu Hause in Deutschland. Wenn ich nach Hause komme steht mein Essen auf dem Tisch, mein Zimmer ist geputzt, meine Wäsche von der Leine genommen. Wenn ichh mal abwaschen will muss ich dass geschickt anstellen, Nora darf es erst sehen, wenn ich schon dabei bin, sonst darf ich nicht.
So einen Mutterservice habe ich zu Hause nie erfahren und frage mich, wie ich mich unter diesen Umständen zu einer selbstständigen Person entwickeln kann. Oder ob ich diesen Luxus ein Jahr genießen sollte, vielleicht auch um mehr Zeit zu haben mich auf andere Entwicklungsaufgaben zu konzentrieren.
Oder doch ausziehen um das erwachsene selbstständige Leben leben zu können, zu müssen? Im Moment bin ich mir ziemlich sicher, dass ich hier wohnen bleiben will. Um der Familie mit Geld zu helfen, um weiter mitzukriegen wie die kleinen Kinder wachsen, um weiter dieses tolle Essen zu essen, die tolle selbstgemachte Musik zu hören, weiterhin extremspanisch zu lernen. Aber manchmal wünsche ich mir auf dem Nachhauseweg von irgendwo,trotz all dieser Vorteile, in mein eigenes Zuhause zu kommen. In Unterhose an den Kühlschrank gehen zu können, mal einen Tag vor dem Fernseher zu liegen ohne mich schlecht zu fühlen weil das hier keiner Macht, mal Nachts spontan Nudel mit Ketchup kochen zu können. Und natürlich auch, um mal Abende mit Nicaraguanern außerhalb von Bars und Diskos verbringen zu können. Keine Ahnung wohin mich mein Weg in dieser Hinsicht führt, aber wahrscheinlich nutze ich aus, dass meine Freunde ausziehen werden und ich sie jederzeit besuchen kann und ich die Vorteile beider Alternativen nutzen kann.
Die Angst vorm Sprechen hat schnell Abschied genommen. Das Gefühl von Fremde nicht. Lange Zeit bin ich immer wieder staunend, mich fremd fühlend, durch die selben Straßen gegangen. Das kann man nicht Kulturschock nennen, einen Kulturschock hatte ich zu dieser Zeit nicht. Er setzt gerade gemächlich einmal am Tag ein. Ungefähr einmal am Tag erlebe ich nämlich die Grausamkeit dieses Landes. Zum Beispiel wenn mir in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, ein Mädchen von sieben Jahre erzählt, dass ihr Vater die Mutter mit einer Machete umbringen wollte. Und sie auf die Frage, was sie denn mal werden wolle, keine Antwort hat. Oder wenn eine Gruppe von Kindern am Spielen ist und ein Kind mit ihrem Baby auf dem Arm daneben steht und zuschaut. Oder wenn sich Kinder ein Theaterstueck zur Gewaltprävention ausdenken, in dem der Vater die Familie besoffen verpruegelt und die Mutter tot schlägt. Oder ein Banner auf einem Marsch gegen Gewalt, auf dem alle Frauen die in den letzten zwei Jahren umgebracht worden sind aufgelistet wurden. Es sind über 100! Oder der Anblick eines toten Hundes auf der Straße. Am nächsten Tag lag seine verbrannte Leiche ein Meter daneben auf einer Wiese. Ein Tag später nur noch das, was die Geier übrig gelassen haben. Dieses Bild steht metaphorisch dafür, wie die Menschen hier mit Tieren umgehen. Sie sind nicht wie in Deutschland Ersatz für fehlende Nähe zu Menschen, keine Freunde und Begleiter, sondern werden für den Schutz des Grundstückes und manchmal, so macht es den anschein, als Frust- und Agressionsventil eingesetzt. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht sehen muss, wie grausam die Tiere behandelt werden, dass Tiere auch emotional wertvoll sind scheint dem Großteil fremd zu sein. Man wird komisch angeschaut, wenn man die Hunde zur Begrüßung streichelt.
„Von der Grenze der ihr heut verfallen
kehrt ihr einst in traute Räume ein.
Wahr und frei zu leben trotz dem Allem
nicht zu tief ins weiche Bett zu fallen
und noch dann im Fühlen eins zu sein.“
In der letzten Zeit hab ich stark an dem Weltwärtsprogramm gezweifelt. Ich hab mich gefragt, warum die deutsche Regierung so viel Geld für die Freiwilligen ausgibt, wenn es doch vollkommen klar ist, das sie so gut wie nur für den eigenen Wachstum hier sind. Alleine der Flug ist 30 000 Tortillas Wert! Vielleicht kann man in dem Jahr eine Handvoll Menschen prägen, aber sind die äußeren Einflüsse nicht viel prägsamer, so dass das, was man probiert hat beizubringen, leicht wieder erlöschen wird?
Das alles sind Dinge die mich einmal am Tag zu Tränen rühren könnten wenn ich es zulassen würde. Und es macht mich verdammt wütend auf die deutsche Scheinwelt. Auf dass, was die Leute Probleme, was sie Armut nennen. Sie können die Realität, wenn sie mit ihr im Fernseher begegnet werden, auf Knopfdruck ausstellen. Ich glaube ich werde den Gedanken an die Welt, wie sie zum Großteil wirklich ist, nicht wieder abstellen koennen.
Wie soll ich später in Deutschland mit meinem Leben dort richtig glücklich werden, wenn ich weiß, wie es hier ist? Wenn ich weiß, wieviel Leid Kinderseelen hier ertagen müssen? Belüge ich mich nicht selber, wenn ich mich einfach wieder ins deutsche Leben einglieder?
Und dafür ist Weltwärts dann doch gut. Ich denke keiner wird ohne schlechtes Gewissen weiterhin verschwenderisch leben können, keiner das was er hier erlebt hat vergessen. Und alle werden den Drang haben, etwas dagegen zu tun. Und so die Menschen in Deutschland aufklären, prägen, auf irgendeine Weise beeinflussen.
http://www.lisaragua.blogspot.com/
_______________________________________________Seit August ist Liesken nun in Nicaragua.
Lest selbst ihre Eindrücke aus dem Waisenkinderprojekt:
Angekommen. In einer anderen Welt. In einer Welt die arm, brutal, hungrig nach Brot und Frieden zu sein scheint. Aber auch eine Welt, die warm, nicht nur des Klima wegens, voller Musik, voller Tanz, voller Genuss ist. Wie kann die Atmosphäre in einem Land so widersprüchlich sein?
Meine ersten Stunden verbrachte ich mit Angst im Bauch. Mit großer Unsicherheit. Angst vor dieser fremden Sprache, Angst, Mitglied in einer mir fremden Familie werden zu muessen, Angst vor der Arbeit, Angst vor der Einsamkeit. Angst vor der fernen Fremde. Doch schon beim ersten Treffen mit allen Familien wurde mir ein Teil meiner Angst genommen. Meine Gastmutter Norita war die einzige, die alle Freiwilligen herzlich begrueßt hat. Sie hat mich lange in den Arm genommen und kam mir gleich sympathisch vor. Im Taxi nach Hause, das überladen mit offenem Kofferraum durch Straßen die aus einzelnen Felsbrocken bestehen stolperte, hab ich ihr mit gebrochenem Spanisch von meiner Panik berichtet. Daraufhin nahm sie mich in den Arm und sagte: Habe keine Angst, ich bin eine gute Mama. Vom Haus in dem ich lebe war ich zu erst erschrocken. Das Wohnzimmer gleicht einer Scheune, groß, mit einem Tisch in der Mitte, einigen Stuehlen, einem Frenseher. Kein Krimkrams außer Fotos vom Papst, Mutter Theresa, einigen Familienmitgliedern. Nur das Nötigste, und religiöse Accessoires gehören hier zum Nötigstem, egal wie arm der Haushalt ist.
Auch das mit der großen Religiosität ist einer der Widersprüche, zwar einer der nicht faktisch belegt ist, aber immer wieder wenn ich darueber nachdenke, warum dieses Land oder dieser Kontinent arm und brutal ist, komme ich zu der Vermutung, dass der Einfluss der Weißen Bevölkerung dieser Erde auf die natürliche Entwicklung dieses Volkes Schuld daran ist. Dass die Europäer vor hunderten von Jahren die hier wachsende Kultur zerstörten und ihre Denkweise, eingeschlossen dem Christentum, zu verbreiten. Vielleicht wären Entwicklungsländer keine Entwicklungsländer wenn ihnen nicht eine Art zu leben und zu denken aufgedrückt worden wäre und sie sich frei entwickelt hätten.
Von dem Einfluss Amerikas hat Nicaragua sich weitesgehend befreit, Amerika scheint mir ein wenig verachtet und viel Wert aufs „patria libre“, das freie Vaterland, gelegt zu werden. Aber die Religion wird vergöttert. Obwohl die Art, wie sie in die Koepfe hier gelangte, meiner Meinung nach zu verurteilen wäre.
Meine Familie ist sehr religiös, sogar der 27-jährige Rockersohn Chepe, der am liebsten mit schwarzangemalten Gesellen und Hardrock feiert, an machen Tagen aber ein T-shirt mit der Aufschrift „Jesus is my Lord“, zu deutsch Jesus ist mein , trägt. Zwar geht nur Nora gelegentlich zur Messe, aber taeglich läuft das „Radio cathólico“, mit lustiger christlichen Musik und Liveübertragung aus der Kirche. So auch bei meiner Ankunft, die mir mittlerweile Ewigkeiten her vorkommt und an die ich mich nur noch verschleiert erinnern kann. Nur an die verwunderten Momente des ersten Tages erinnere ich mich noch deutlich. Ich war erfreut und verwundert über die Größe meines Zimmers, es ist viel größer als die anderen Schlafzimmer des Hauses, aber auch erschrocken von der Kahlheit, den grauen, untapezierten Wänden und dem an Wellblechhütten erinnernden Dach.
Schon am ersten Morgen in meiner Familie war mir klar, womit ich mich in der nächsten Zeit abfinden musste: Mit Ohnmächtigkeit durch Sprachlosigkeit. Ein schreckliches Gefühl nicht sagen zu können was man denkt, was man will, und auch wenn man sich krampfhaft anstrengt, nichts zu verstehen. Aber sicherlich eine gute Erfahrung, alles in sich auszutragen und sich nur mit sich selbst beschäftigen müssen.
„Es riecht nach Mittagessen. Nach Hunger und Angst. Angst davor, mich gleich mit allen an einen Tisch zu setzen und Sachen gefragt zu werden, die ich nicht verstehe oder nicht beantworten kann“
Tagebuch, 19.8.09
In der ersten Zeit war mir viel langweilig. Es ist neu für mich, mich soviel mit mir und mit niemand anderem zu beschäftige. Durch die Sprachlosigkeit bin ich gezwungen, zu hören was in mir drin spricht. Führ mich war Ruhe eigentlich immer gleich Langeweile, mittlerweile kann ich ohne Probleme in meinem Zimmer sitzen und einfach nur denken oder schreiben. Nach ungefähr 2 Wochen hatte ich dadurch meinen ersten traurigen Abend. Habe eingesehen, dass eine einsame Zeit vor mir steht und die Menschen die ich liebe weit weg sind.
Ich war und bin immernoch erschrocken, dass ich meinen Alltag lieben kann. Ich war bis hetzt immer davon überzeugt, dass ich unfähig dazu bin, meinen Alltag zu genießen. Hier habe ich glücklicherweise eingesehen, dass es nicht an mir, sondern an der Art des Alltages lag dass ich ihn verabscheut habe. Schule war wohl einfach nichts für mich. Die Arbeit hier erfüllt mich.
Ich stehe morgens um7.30 Uhr auf, frühstücke Kaffee und Kekse und fahre mit meinem Fahrrad auf der Panamerikana zur Arbeit. Dabei können gelegentlich spontane Fahrradrennen entstehen, ein lustiger Zeitvertreib der die Lockerheit der Menschen hier wiederspiegelt. So etwas passiert in Deutschland viel zu selten.
Meine Arbeit besteht daraus, auf einem Pick-up in verschiedene außerhalbgelegende Ortsteile zu fahren, den Kindern dort eine Geschichte zu erzählen, über diese zu reden und sie danach dazu malen zu lasse. Hauptsächlich werde ich dazu gebraucht, mit den Kindern zu spielen, Namen aufzuschreiben und das Material vorzubereiten. Während gemalt wird muss ich rum gehen und die kleinen Menschen für ihre Arbeit, sei sie auch noch so schlecht, loben. Das hört sich gewiss nicht so spannend an wie es in Wirklichkeit ist. Das liegt daran, dass ich mir die Arbeit mit selbst auferlegten Aufgaben interessanter mache. Zum Beispiel versuche ich den traurig dreinschauenden Kindern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Und immer, zumindest seitdem ich es kann, unterhalte ich mich mit ihnen. Das ist oft sehr hart weil ich viel von dem was ich höre keinem Menschen wünschen würde, außer vielleicht denen, die Schuld daran sind dass es solche Geschichten gibt. Oft, das wurde mir von meinen Arbeitskollegen deutlich gesagt, ist das Lob von uns die einzige Bestätigung die die Kinder hier erfahren. Viele Kinder werden als Belast, als weiteres Familienmitglied das gefüttert werden muss und somit Geld kostet angesehen.
Alle zwei Wochen gebe ich Freitags mit einem Musiklehrer aus Managua und Lasse zusammen Gitarren und Flötenunterricht. Es ist beeindruckend festzustellen, dass man auch in Gebieten von denen man keine Ahnung hat, bei mir das Flötespielen, Unterricht geben kann. Ich kann das gleiche sagen was ich in den vielen Jahren des Geigelernens immer wieder gehört habe und es funktioniert.
Ein weiterer Faktor der mir die Arbeit versüßt ist mein tolles Team. Lasse, ein anderer Deutscher der auch durch das Welthaus in Estelí gelandet ist, und ich wurden ziemlich direkt ins Team aufgenommen, gehen hin und wieder mit Arbeitskollegen weg und lachen während der Arbeit viel.
Alle zwei Wochen fahren wir um fünf Uhr morgens nach Managua. Das ist der härteste Tag. In Managua ist es heiß, stinkend und hässlich und es bleibt keine Zeit die Kinder beim Malen zu unterstützen weil man immer darauf achten muss, dass sich nicht geprügelt wird. Die Kinder die in Managua an den Workshops teilnehmen arbeiten allesamt auf den Märkten Managuas und gehen oft nicht zur Schule. Das Leben hat sie hart gemacht. Manche suchen sehr meine Nähe, etwas das ich leicht und gerne geben kann. Ein Mädchen nimmt mich immer lange in den Arm und tankt meine Liebe.
Mittlerweile habe ich gute Freunde, zwar Deutsche, gefunden die mich wirklich gut fühlen lassen, seltenst fühl ich mich einsam und wenn doch, ist jemand da um mir zu zeigen dass ich dazu keinen Grund habe. Zusammen dümpeln, oder besser gesagt rasen, wir hier durch die Zeit, alle unsicher worin der Sinn des Lebens in diesem einem Jahr besteht. In den ersten zwei, drei Monaten bestand er im Feiern, im Ausnutzen des anscheinend unendlich vielem Geld habens. Fast jedem Abend waren wir in irgendeiner Bar, jedes Wochenende in der größten Disko, jedes Wochenende von Flor de Cana, dem nicaraguanischem Rum, und Kola besoffen.
Das ständige Feiern trägt dazu bei, dass immer mehr Leute anfangen zu rauchen.
Vor ungefähr einem Monat mussten wir dann doch einsehen, dass das Geld auch hier endlich ist. Die ersten fangen an disziplinierte Rauchpausen einzulegen. Die Disko ist langweilig geworden. Alle sind ein bisschen orientierungslos wie man denn jetzt seine Abende und Nächte verbringen kann. Eindeutig fehlen private Räume zum Chillen. Das ist bei mir zwar möglich, aber auch mit Eingrenzungen. Zum Beispiel kann wegen der Kinder nicht lange laut musiziert werden und nur Weiße und nicaraguanische Familienfreunde dürfen eingeladen werden. Das war der Grund für ein erstes wütendsein auf meine Familie. Selbst wenn die Nicaraguaner keine Bekannten mehr sondern meine Freunde geworden sind, darf ich sie leider nicht mit nach Hause bringen. Irgendwo kann ich diese Regel zwar nach vollziehen, kann sie aber unter keinen Umständen befürworten, muss sie aber akzeptieren. Meine Familie ist wunderbar, die beste Familie aller Freiwilligen, alle mögen sie, aber ich bin eindeutig unselbstständiger als zu Hause in Deutschland. Wenn ich nach Hause komme steht mein Essen auf dem Tisch, mein Zimmer ist geputzt, meine Wäsche von der Leine genommen. Wenn ichh mal abwaschen will muss ich dass geschickt anstellen, Nora darf es erst sehen, wenn ich schon dabei bin, sonst darf ich nicht.
So einen Mutterservice habe ich zu Hause nie erfahren und frage mich, wie ich mich unter diesen Umständen zu einer selbstständigen Person entwickeln kann. Oder ob ich diesen Luxus ein Jahr genießen sollte, vielleicht auch um mehr Zeit zu haben mich auf andere Entwicklungsaufgaben zu konzentrieren.
Oder doch ausziehen um das erwachsene selbstständige Leben leben zu können, zu müssen? Im Moment bin ich mir ziemlich sicher, dass ich hier wohnen bleiben will. Um der Familie mit Geld zu helfen, um weiter mitzukriegen wie die kleinen Kinder wachsen, um weiter dieses tolle Essen zu essen, die tolle selbstgemachte Musik zu hören, weiterhin extremspanisch zu lernen. Aber manchmal wünsche ich mir auf dem Nachhauseweg von irgendwo,trotz all dieser Vorteile, in mein eigenes Zuhause zu kommen. In Unterhose an den Kühlschrank gehen zu können, mal einen Tag vor dem Fernseher zu liegen ohne mich schlecht zu fühlen weil das hier keiner Macht, mal Nachts spontan Nudel mit Ketchup kochen zu können. Und natürlich auch, um mal Abende mit Nicaraguanern außerhalb von Bars und Diskos verbringen zu können. Keine Ahnung wohin mich mein Weg in dieser Hinsicht führt, aber wahrscheinlich nutze ich aus, dass meine Freunde ausziehen werden und ich sie jederzeit besuchen kann und ich die Vorteile beider Alternativen nutzen kann.
Die Angst vorm Sprechen hat schnell Abschied genommen. Das Gefühl von Fremde nicht. Lange Zeit bin ich immer wieder staunend, mich fremd fühlend, durch die selben Straßen gegangen. Das kann man nicht Kulturschock nennen, einen Kulturschock hatte ich zu dieser Zeit nicht. Er setzt gerade gemächlich einmal am Tag ein. Ungefähr einmal am Tag erlebe ich nämlich die Grausamkeit dieses Landes. Zum Beispiel wenn mir in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, ein Mädchen von sieben Jahre erzählt, dass ihr Vater die Mutter mit einer Machete umbringen wollte. Und sie auf die Frage, was sie denn mal werden wolle, keine Antwort hat. Oder wenn eine Gruppe von Kindern am Spielen ist und ein Kind mit ihrem Baby auf dem Arm daneben steht und zuschaut. Oder wenn sich Kinder ein Theaterstueck zur Gewaltprävention ausdenken, in dem der Vater die Familie besoffen verpruegelt und die Mutter tot schlägt. Oder ein Banner auf einem Marsch gegen Gewalt, auf dem alle Frauen die in den letzten zwei Jahren umgebracht worden sind aufgelistet wurden. Es sind über 100! Oder der Anblick eines toten Hundes auf der Straße. Am nächsten Tag lag seine verbrannte Leiche ein Meter daneben auf einer Wiese. Ein Tag später nur noch das, was die Geier übrig gelassen haben. Dieses Bild steht metaphorisch dafür, wie die Menschen hier mit Tieren umgehen. Sie sind nicht wie in Deutschland Ersatz für fehlende Nähe zu Menschen, keine Freunde und Begleiter, sondern werden für den Schutz des Grundstückes und manchmal, so macht es den anschein, als Frust- und Agressionsventil eingesetzt. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht sehen muss, wie grausam die Tiere behandelt werden, dass Tiere auch emotional wertvoll sind scheint dem Großteil fremd zu sein. Man wird komisch angeschaut, wenn man die Hunde zur Begrüßung streichelt.
„Von der Grenze der ihr heut verfallen
kehrt ihr einst in traute Räume ein.
Wahr und frei zu leben trotz dem Allem
nicht zu tief ins weiche Bett zu fallen
und noch dann im Fühlen eins zu sein.“
In der letzten Zeit hab ich stark an dem Weltwärtsprogramm gezweifelt. Ich hab mich gefragt, warum die deutsche Regierung so viel Geld für die Freiwilligen ausgibt, wenn es doch vollkommen klar ist, das sie so gut wie nur für den eigenen Wachstum hier sind. Alleine der Flug ist 30 000 Tortillas Wert! Vielleicht kann man in dem Jahr eine Handvoll Menschen prägen, aber sind die äußeren Einflüsse nicht viel prägsamer, so dass das, was man probiert hat beizubringen, leicht wieder erlöschen wird?
Das alles sind Dinge die mich einmal am Tag zu Tränen rühren könnten wenn ich es zulassen würde. Und es macht mich verdammt wütend auf die deutsche Scheinwelt. Auf dass, was die Leute Probleme, was sie Armut nennen. Sie können die Realität, wenn sie mit ihr im Fernseher begegnet werden, auf Knopfdruck ausstellen. Ich glaube ich werde den Gedanken an die Welt, wie sie zum Großteil wirklich ist, nicht wieder abstellen koennen.
Wie soll ich später in Deutschland mit meinem Leben dort richtig glücklich werden, wenn ich weiß, wie es hier ist? Wenn ich weiß, wieviel Leid Kinderseelen hier ertagen müssen? Belüge ich mich nicht selber, wenn ich mich einfach wieder ins deutsche Leben einglieder?
Und dafür ist Weltwärts dann doch gut. Ich denke keiner wird ohne schlechtes Gewissen weiterhin verschwenderisch leben können, keiner das was er hier erlebt hat vergessen. Und alle werden den Drang haben, etwas dagegen zu tun. Und so die Menschen in Deutschland aufklären, prägen, auf irgendeine Weise beeinflussen.
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Neue Mädchengruppen in:
- Schwaförden:
Gilde Polaris

Mädchen ab 8 Jahren, Mittwochs, 16.30 - 18.30 Uhr
am Jugendwaldheim Hahnhorst in Schwaförden

Kontakt: Jennifer Sechtling, JWH Hahnhorst, 04277-96107 oder 01791250060